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Interview mit Reinhard Jassmann
von Gerhard Menkel
l Seit vier Wochen ist im HABV eine neue Führungsmannschaft im Ruder, auch Ihr zweiter großer Widersacher im Präsidium, Hermann Sauer, ist weg. Triumphieren Sie jetzt?
Nein, ich bin eher bedrückt. Zumal Herr Sauer seine zweifelhafte Laufbahn in unserer Boxabteilung gestartet hat und bis vor kurzem immer noch Mitglied darin war. Ich fühle mich aber als mutiger, bestätigter Kritiker, der an der Entlarvung erheblichen Anteil hat.
l Glauben Sie, dass der Verband das Geld, das der Ex-Präsident laut Anzeige veruntreut haben soll, jemals wiedersehen wird?
Das ist schwer einzuschätzen, wie weit eine finanzielle Wiedergutmachung möglich ist. Man darf dabei den Imageschaden, der jede offizielle Stelle und auch jeden Sponsor misstrauisch werden lässt, nicht unterschätzen.
l Warum konnte jemand wie Hermann Sauer oder auch Ex-Jugendwart Rainer Simon im Verband so lange schalten und walten?
Aus ihrer Selbstdarstellung und möglicherweise aus Eigennutz haben die beiden Herren, nach oben krabbelnd und nach unten tretend, sozusagen Hand in Hand ein großes Machtpotenzial aufgebaut. Sie haben jeden Kritiker oder Andersdenkenden mit den eigentlich sportschädlichen Methoden eingeschüchtert – das ging von der Verweigerung oder Verschleppung bei der Genehmigung von Kämpfen über die Nichtberücksichtigung von Boxern bei Lehrgängen bis hin zum Versuch, Kämpfe zu beeinflussen.
l Es ist viel von Aufbruch beim neuen HABV-Präsidenten Peter Firner die Rede – spüren Sie etwas davon davon?
Es ist ihm in kurzer Zeit gelungen, ein neues Wir-Gefühl im Verband zu schaffen. Durch seine großen Verdienste in der kurzen Zeit als Jugendwart hat er auch schon ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit erreicht. Ohne das von den Vorgängern gewohnte Profilgehabe und ohne jede Arroganz nimmt er sich jedes Problems an, egal ob es von Sportlern, Funktionären oder Trainern vorgetragen wird. Dadurch entsteht wieder bei allen Vereinsvertretern Motivation, eigene Veranstaltungen durchzuführen oder den HABV zu vertreten. Das beruht auch darauf, dass unter Peter Firner das Genehmigungsverfahren für Auswärtsstarts total vereinfacht wurde.
l Für den TSV Korbach sind die Hessenmeisterschaften sportlich nicht besonders gut gelaufen, nicht ein Boxer startet bei den Gruppenmeisterschaften am kommenden Wochenende. Warum ist das so?
Ich finde, es ist kein Makel, das kommt in jeder Sportart vor, dass es, wenn es richtig darauf ankommt, nicht so gut läuft. Mario (Reinhard Jassmanns Sohn, verlor im Finale der Hessenmeisterschaft knapp nach Punkten) hat zudem das Problem, dass er als Bademeister im Schichtdienst und am Wochenende arbeiten muss. Damit kann er das Training, zum Beispiel ein Sparring, und den gewünschten Trainingsablauf nicht immer wahrnehmen.
l Bei welchen Sportlern Ihrer Abteilung sehen Sie aktuell das größte Potenzial?
Anerkennung haben die Fortgeschrittenen zuallererst beim hessischen Jugendwart, Bernd Hackfort gefunden, dem ich sehr vertraue. Beim Nachwuchs setzen wir auf Leon Anselm als Hessenmeister, Waldemar Meier, der Dritter bei den „Deutschen“ war, Miguel Möller, und natürlich unsere deutsche Meisterin mit einem Fuß im Nationalkader, Viviane Slawik. Bei den Männern kann man noch einiges von Chris Mvemba erwarten, der Hessenmeister der B-Klasse ist und – sobald er sieben Kämpfe bestritten hat – in die Eliteklasse aufsteigt. Er ist ein Hoffnungsträger. Mario konzentriert sich jetzt auf die Ligakämpfe, er steigt am 22. Oktober das erste Mal für den CSC Frankfurt in der 2.Bundesliga in den Ring.
l Die Boxsparte, das war immer Reinhard Jassmann. Inzwischen ist sie breiter aufgestellt, Lothar Junker macht viel Führungsarbeit, Ihr Bruder Manftred ist Trainer. Wo fehlt es noch?
Händeringend suchen wir nach einem zuverlässigen Kassenwart, da Waldemar Golbek, der ganz hervorragende Arbeit geleistet hat, studienbedingt nicht mehr zur Verfügung steht, auch nicht als Trainer. Das ist ein zusätzliches Problem. Valerij Pojurov und Dimitri Schluthauer, ebenfalls von uns als Trainer ausgebildet, können uns auch nicht mehr unterstützen, weil sie auch zum Studium weg sind. Gottseidank hilft Lothar Junker als Schriftführer und stellvertretender Abteilungsleiter. Manfred Jassmann ist hauptsächlich Trainer der Fortgeschrittenen und leistet ebenso sehr gute Arbeit.
l Der TSV Korbach mit seiner Sparte Boxen ist Stützpunktverein für Integration. Wie sehen Sie tatsächlich Ihre Chancen, ausländische Jugendliche über das Boxen zu integrieren?
Die Boxabteilung des TSV, deren gute Nachwuchsarbeit auch der Präsident des Deutschen Boxverbands, Jürgen Kyas, belobigt hat, ist wiederholt durch das Bundesprogramm „Integration durch Sport“, durch mehrere Auszeichnungen und sogar durch das ZDF für ihre Arbeit gewürdigt worden. Das kommt nicht von allein. Jugendliche unterschiedlichster Herkunft haben sich der Boxabteilung angeschlossen und ganz selbstverständlich integriert. Sie haben dadurch den Verein wie ein zweites Zuhause angenommen.
l Was tun Sie dafür, und woran hapert es noch?
Unser gesamter Abteilungsvorstand arbeitet daran, dass es keine Unterbrechung dieser wichtigen jugendfördernden Trainingsarbeit gibt. Wir scheuen auch die Konfrontationen mit Behörden nicht wie man am Konflikt um die Hallennutzung gesehen hat. Es hapert an der öffentlichen Unterstützung unserer Arbeit, dabei ist so eine Vereinsarbeit auch gleichzeitig Sozialarbeit
l Ihre Pläne für die nächste Zukunft?
Um die Trainingsarbeit weniger umständlich zu gestalten, zum Beispiel durch den ständigen Auf- und Abbau von Geräten und Sparringsring, haben wir in Kooperation mit einem Fitness-Studio ein Bauvorhaben für eine eigene Trainingshalle nur für Boxsport und dazukommende andere Kampfsportarten begonnen. Wir werden damit flexibler und effizienter. Außerdem verstärken wir die Zusammenarbeit mit dem hessischen Verband. Was diese uns bedeutet, sieht man daran, dass die Firma meiner Frau einen Sponsoren-Vertrag abgeschlossen hat, mit dem wir den Verband in der finanziellen Misere unterstützen, die allem Anschein nach von Herrn Sauer verschuldetet worden ist.

2. von links: Reinhard Jassmann